Lebensgeschichte aufschreiben: So fängst du an
Wie schreibe ich eine Lebensgeschichte auf, meine eigene oder die meiner Eltern, ohne dass das Projekt nach drei Seiten liegen bleibt?
Die meisten Lebensgeschichten scheitern nicht am Schreiben. Sie scheitern am leeren ersten Blatt. Wer sich vornimmt, „mal alles aufzuschreiben“, sitzt vor siebzig Jahren Leben und weiß nicht, wo er anfangen soll. Nach ein paar Absätzen über Geburtsort und Geschwister bleibt das Heft liegen.
Eine Lebensgeschichte aufschreiben geht leichter, wenn du sie nicht als Buch behandelst, sondern als Sammlung kleiner Geschichten. Das gilt für deine eigene Biografie genauso wie für die Lebensgeschichte deiner Mutter oder deines Vaters. Unten steht, wie du eine Struktur findest, mit welchen Fragen du die Erinnerungen hervorholst, wie du aufnimmst und abschreibst und welche Form am Ende passt, vom einfachen Notizbuch bis zum Biografen, den du dafür bezahlst.
Für wen schreibst du?
Bevor du die erste Zeile schreibst, lohnt sich eine Frage: Wer soll das lesen? Fast immer lautet die ehrliche Antwort: die Familie. Kinder, Enkel, vielleicht Geschwister. Kein Verlag, kein Feuilleton.
Das macht vieles einfacher. Du musst nicht spannend schreiben wie ein Roman, und du musst nicht vollständig sein. Deine Leser wollen wissen, wie es war, mit deinen Worten. Ein Satz wie „Im Winter haben wir die Milch vor dem Fenster kalt gestellt“ ist für sie wertvoller als eine schön formulierte Seite über die Nachkriegszeit.
Es hilft auch, eine konkrete Person vor Augen zu haben. Schreib so, als würdest du einer Enkelin erzählen, die mit fünfzehn zum ersten Mal wissen will, wie du gelebt hast. Dann erklärst du automatisch die Dinge, die für dich selbstverständlich sind und für sie nicht.
Die Lebensgeschichte aufschreiben: eine Struktur, die trägt
Es gibt zwei Wege, und beide funktionieren.
Chronologisch, nach Lebensabschnitten. Das ist der naheliegende Weg und für die meisten der richtige. Eine mögliche Gliederung:
- Herkunft: Eltern, Großeltern, woher die Familie kommt
- Kindheit: Wohnung, Spiele, Geschwister, Nachbarschaft
- Schule und Jugend
- Ausbildung und Arbeit
- Liebe und Partnerschaft
- Kinder und Familienleben
- Die späteren Jahre
- Was ich gelernt habe
Thematisch. Statt nach Jahren sortierst du nach Themen: Häuser, in denen ich gewohnt habe. Menschen, die mich geprägt haben. Reisen. Essen. Das eignet sich, wenn dein Leben keine klare Abfolge hat oder wenn dich ein Thema besonders reizt.
Ganz gleich, wofür du dich entscheidest: Mach zuerst eine Zeitleiste. Ein Blatt Papier, links die Jahre, rechts in Stichworten, was passiert ist. Umzüge, Arbeitsstellen, Geburten, Reisen. Die Zeitleiste ist kein Text, sie ist dein Gerüst. Wenn du später bei einem Kapitel hängst, siehst du dort, was fehlt.
Und dann fang nicht vorne an. Fang mit dem Kapitel an, auf das du am meisten Lust hast. Die Reihenfolge stellst du am Ende her.
Mit Fragen statt mit einem leeren Blatt
Kaum jemand kann „Schreib über deine Kindheit“ beantworten. Fast jeder kann beantworten: „Wie sah die Küche aus, in der du groß geworden bist?“ Gute Fragen sind klein und genau. Sie verlangen keinen Überblick, sondern einen einzigen Moment.
Ein paar Beispiele für jede Phase:
- Kindheit: Was ist deine früheste Erinnerung? Wo hast du geschlafen?
- Jugend: Wo habt ihr euch getroffen, wenn die Eltern es nicht wissen sollten?
- Arbeit: Was hast du mit deinem ersten Lohn gemacht?
- Liebe: Was hast du beim ersten Treffen gedacht?
- Familie: Wie war der Tag, an dem dein erstes Kind kam?
- Rückblick: Was glaubst du heute, das du mit dreißig noch nicht geglaubt hast?
Schreib jede Frage oben auf eine eigene Seite und beantworte sie, als würdest du sie jemandem am Tisch erzählen. Wenn eine Antwort nur zwei Sätze hat, ist das in Ordnung. Wenn eine andere vier Seiten bekommt, auch.
Längere Listen findest du in unseren Fragen an Mama, den Fragen an Papa und den Fragen an Oma und Opa. Sie sind für Gespräche geschrieben, funktionieren aber genauso, wenn du dir die Fragen selbst stellst.
Erinnerungen hervorholen
Erinnerungen kommen selten auf Kommando, aber sie kommen über Umwege.
Fotos. Leg ein altes Foto neben dich und beschreib, was außerhalb des Bildes war. Wer hat fotografiert? Was passierte fünf Minuten später?
Orte. Zeichne den Grundriss deiner ersten Wohnung aus dem Gedächtnis. Beim Zeichnen fallen dir Dinge ein, an die du seit Jahrzehnten nicht gedacht hast.
Dokumente. Zeugnisse, Arbeitsverträge, Briefe, Urlaubskarten. Sie liefern Daten und Namen, und oft eine Geschichte dazu.
Sinne. Ein Geruch, ein Lied, ein bestimmtes Gericht. Wenn du über das Essen deiner Kindheit schreibst, schreibst du ganz nebenbei über die ganze Familie.
Lücken markieren. Wenn du etwas nicht mehr weißt, schreib es so hin: „Ich weiß nicht mehr, ob das 1962 oder 1963 war.“ Das ist ehrlich, und es hält dich nicht auf. Vielleicht kann jemand aus der Familie die Lücke später füllen.
Die Lebensgeschichte eines Elternteils aufnehmen
Wenn du die Biografie deiner Mutter oder deines Vaters schreiben willst, ist das Gespräch der Anfang, nicht das Schreiben.
Kurze Sitzungen. Eine Stunde reicht, oft sind fünfundvierzig Minuten besser. Lieber zehn kurze Gespräche als ein langer Nachmittag, nach dem alle erschöpft sind.
Aufnehmen. Die Sprachmemo-App auf dem Handy genügt. Frag vorher, ob es in Ordnung ist, leg das Handy mit dem Display nach unten hin und vergiss es. Eine Aufnahme bewahrt etwas, das kein Text kann: die Stimme, den Dialekt, das Lachen an der richtigen Stelle.
Ein Thema pro Sitzung. Heute die Schulzeit, nächste Woche die erste Arbeitsstelle. So bleibt das Gespräch konkret, und du weißt hinterher, wo was zu finden ist.
Abschreiben, solange es frisch ist. Hör dir die Aufnahme am selben oder nächsten Tag an und schreib die besten Stellen ab, möglichst wörtlich. Du musst nicht alles abtippen. Aber was du nicht abschreibst, hört sich erfahrungsgemäß kaum jemand ein zweites Mal an.
In ihrer Stimme schreiben. Wenn du die Geschichte später zu einem Text machst, lass die typischen Wendungen stehen. „Da hat der Meister nur gesagt, Junge, das machst du nochmal“ ist besser als jede glatte Zusammenfassung.
Schreiben: Szenen statt Zusammenfassungen
Der häufigste Fehler beim Biografie schreiben ist die Zusammenfassung. „Meine Kindheit war arm, aber glücklich“ sagt fast nichts. Eine einzige Szene sagt mehr: der Samstag, an dem es Fleisch gab, und wie der Vater am Kopf des Tisches das Messer gewetzt hat.
Drei Faustregeln:
Ein Moment pro Absatz. Wenn du merkst, dass du über zehn Jahre schreibst, such dir einen Tag daraus aus.
Namen nennen. Nicht „eine Nachbarin“, sondern „Frau Schulte aus dem zweiten Stock“. Die Namen sind das, wonach die Familie später sucht.
Ehrlich bleiben, aber nicht alles erzählen müssen. Eine Lebensgeschichte darf schwierige Kapitel haben. Du entscheidest, wie viel davon auf Papier kommt. Ein Satz wie „Über diese Jahre möchte ich nicht viel schreiben“ ist auch eine Aussage, und eine ehrliche.
Und: Es muss nicht gut geschrieben sein, um wertvoll zu sein. Rechtschreibfehler, Wiederholungen, Sätze, die nicht ganz zu Ende gehen, das alles gehört zu deiner Stimme. Niemand in deiner Familie wird es dir vorhalten.
Von Hand oder am Computer?
Am Computer kannst du umstellen, löschen und korrigieren. Das ist praktisch, wenn du viel schreibst und am Ende ein gedrucktes Buch willst.
Von Hand geschrieben hat eine Lebensgeschichte etwas, das der Computer nicht liefert: die Handschrift. Für Kinder und Enkel ist sie oft der Teil, an dem sie am meisten hängen. Wer nicht mehr lange am Stück schreiben kann, kann einen Teil diktieren und den Rest selbst schreiben. Beides gehört dann ins selbe Buch.
Welche Form passt zu dir?
Ein Notizbuch. Die einfachste und günstigste Lösung. Gutes Papier, feste Bindung, vorne deine Zeitleiste, dann eine Frage pro Seite. Funktioniert hervorragend, wenn du dir selbst die Fragen stellen kannst.
Ein Ausfüllbuch. Ein Erinnerungsbuch mit vorgedruckten Fragen nimmt dir die Struktur ab. Bekannt ist etwa die „erzähl mal“-Reihe von Elma van Vliet mit Titeln wie „Oma, erzähl mal“ oder „Papa, erzähl mal“. Unser eigenes Erinnerungsbuch „Erzähl mir dein Leben“ folgt demselben Gedanken: 58 Fragen in 8 Kapiteln auf 178 Seiten im Format 21 x 28 cm, mit großer Schrift und viel Platz zum Schreiben, bei Amazon.de gebunden für 22,99 € und als Taschenbuch für 16,99 €. Ein Ausfüllbuch eignet sich besonders als Geschenk an Eltern oder Großeltern, die selbst schreiben möchten.
Ein selbst gestaltetes Buch. Wenn du den Text am Computer geschrieben hast, kannst du ihn mit Fotos als Fotobuch oder kleines Buch drucken lassen. Viele Fotobuch-Anbieter und Druckereien bieten auch Einzelexemplare an. Das macht mehr Arbeit, gibt dir aber volle Freiheit.
Biografie schreiben lassen. Es gibt Biografinnen und Biografen, die Interviews führen, den Text schreiben und auf Wunsch ein fertiges Buch liefern. Das ist die aufwendigste und teuerste Möglichkeit, und die Preise unterscheiden sich stark nach Umfang und Leistung. Wenn du das in Betracht ziehst, lass dir Leseproben zeigen, frag, wie viele Gesprächstermine enthalten sind, und hol dir ein schriftliches Angebot, bevor du zusagst.
Fang mit einer Seite an
Du musst heute nicht entscheiden, wie das fertige Buch aussieht. Nimm ein Blatt, schreib oben eine einzige Frage hin, zum Beispiel „Wie sah die Küche aus, in der ich groß geworden bin?“, und beantworte sie. Wenn daraus eine Seite wird, hast du angefangen. Der Rest ist nur noch Seite zwei.