Fragen an Oma und Opa: 50 Fragen für echte Geschichten

Was soll ich Oma und Opa eigentlich fragen, damit mehr kommt als „Ach, das war halt so“?

Du sitzt bei Oma am Kaffeetisch, nimmst dir endlich vor, nach früher zu fragen, und sagst: „Erzähl doch mal von deinem Leben.“ Sie lacht, winkt ab und sagt: „Ach, da gibt es nicht viel zu erzählen.“ Damit ist das Gespräch vorbei, bevor es angefangen hat.

Das liegt nicht an Oma. Es liegt an der Frage. „Erzähl von deinem Leben“ verlangt eine Zusammenfassung von siebzig oder achtzig Jahren, und die kann niemand auf Knopfdruck liefern. Gute Fragen an Oma und Opa sind klein und genau. So genau, dass die Antwort schon da ist, bevor jemand überlegen kann, ob sie interessant genug ist.

Die 50 Fragen an Großeltern unten sind so gebaut. Du kannst sie in jeder Reihenfolge stellen und alle überspringen, die nicht passen. Es geht nicht darum, die Liste abzuarbeiten. Es geht um die eine Antwort, mit der du nicht gerechnet hast.

Fragen an Oma und Opa stellen: drei Regeln vorab

Frag nach einem Moment, nicht nach einer Zeit. „Wie waren die Fünfzigerjahre?“ ergibt einen Absatz, den jeder hätte schreiben können. „Was gab es bei euch sonntags zu essen?“ ergibt eine Erinnerung, die nur einem Menschen gehört.

Halte die Pause aus. Wer über achtzig ist, sucht oft in einer Erinnerung, die seit Jahrzehnten niemand geöffnet hat. Das dauert. Zähl innerlich bis fünf, bevor du etwas sagst. In der Pause liegt meistens das Beste.

Frag öfter nach, als du denkst. Die erste Antwort ist die Überschrift. Die dritte ist die Geschichte. Deshalb steht unter jeder Gruppe unten eine Nachfrage, die besonders gut zu diesem Thema passt.

Kindheit und Zuhause

  1. Was ist das Erste, woran du dich überhaupt erinnern kannst?
  2. Wie sah die Küche aus, in der du groß geworden bist?
  3. Wo hast du geschlafen, und wer war noch im Zimmer?
  4. Was hast du an einem Nachmittag nach der Schule gemacht, als du neun oder zehn warst?
  5. Gab es im Haus etwas, das niemand anfassen durfte?
  6. Womit hast du gespielt, und wer hat es gebaut oder gekauft?
  7. Wovor hattest du als Kind Angst?
  8. Wofür hast du am häufigsten Ärger bekommen?
  9. Gab es eine Straße, einen Hof oder eine Wiese, die dir gehört hat?

So wird eine Geschichte daraus: Frag nach den Sinnen. „Wie hat es da gerochen?“ und „Was hast du gehört, wenn du abends im Bett lagst?“ holen Bilder zurück, an die ein Kopf allein nicht herankommt. Wenn Opa sagt, die Küche war klein, frag, wo genau der Ofen stand.

Schule und Jugend

  1. Wie bist du zur Schule gekommen, und wie lange hat das gedauert?
  2. Welcher Lehrer oder welche Lehrerin hat dich ernst genommen?
  3. Was stand in deinem ersten Zeugnis, an das du dich erinnerst?
  4. Was wolltest du werden, bevor du wusstest, was möglich ist?
  5. Wo habt ihr euch als Jugendliche getroffen, wenn die Eltern es nicht wissen sollten?
  6. Welche Musik hast du gehört, und worauf?
  7. Was hast du getragen, als du dich zum ersten Mal schick gemacht hast?
  8. Wann hast du dich zum ersten Mal erwachsen gefühlt?

So wird eine Geschichte daraus: Frag nach den anderen. „Wer war noch dabei?“ und „Was ist aus ihr geworden?“ Eine Schulgeschichte handelt fast immer von einem Freund, einer Banknachbarin oder einem Lehrer. Die Namen sind das, was die Familie später sucht.

Arbeit und Geld

  1. Was war deine erste Arbeit, und was hast du verdient?
  2. Wofür hast du deinen ersten Lohn ausgegeben?
  3. Hast du eine Lehre gemacht? Wie war dein Meister oder deine Meisterin?
  4. Was war die schwerste Arbeit, die du je gemacht hast?
  5. Gab es ein Jahr, in dem das Geld knapp war, und worauf habt ihr verzichtet?
  6. Was war die erste größere Anschaffung, auf die ihr lange gespart habt?
  7. Was kannst du, das dir niemand zutrauen würde?

So wird eine Geschichte daraus: Frag nach einem einzigen Tag. „Erzähl mir einen ganz normalen Arbeitstag. Wann bist du aufgestanden?“ Wer einen Tag Schritt für Schritt beschreibt, erzählt ganz nebenbei von Kollegen, vom Betrieb, vom Weg dorthin und davon, was es gekostet hat, wenn etwas schiefging.

Liebe und Familie

  1. Wo hast du Oma (oder Opa) zum ersten Mal gesehen?
  2. Was hast du damals von ihr oder ihm gedacht?
  3. Wie lief euer erstes Treffen, und wer hat wen gefragt?
  4. Was haben deine Eltern zu der Wahl gesagt?
  5. Wie war eure Hochzeit, und wer fehlte?
  6. Wie sah ein ganz gewöhnlicher Dienstag in den ersten Ehejahren aus?
  7. Was hat sich verändert, als das erste Kind kam?
  8. Was hast du darüber gelernt, wie man zusammenbleibt?

So wird eine Geschichte daraus: Frag nach dem Gefühl, nicht nach dem Datum. „Wie hast du gemerkt, dass es ernst ist?“ bringt mehr als „In welchem Jahr habt ihr geheiratet?“ Und wenn nur einer von beiden erzählt, frag später den anderen dasselbe. Zwei Fassungen derselben Geschichte sind oft die schönste Stelle im ganzen Gespräch.

Die Zeiten, die du erlebt hast

Wer zwischen 1940 und 1960 geboren ist, hat sehr verschiedene Länder erlebt. Manche sind in der Bundesrepublik aufgewachsen, manche in der DDR, manche sind von einem ins andere gegangen, manche kamen von ganz woanders. Frag offen und lass dir sagen, wie es bei ihr oder ihm war.

  1. Was haben deine Eltern über die Kriegsjahre erzählt, und worüber haben sie geschwiegen?
  2. Kam deine Familie ursprünglich von woanders her? Wie ist sie dahin gekommen, wo du aufgewachsen bist?
  3. Woran merkt man in deiner Erinnerung, dass es langsam besser wurde?
  4. Was war das erste Gerät im Haushalt, auf das alle stolz waren?
  5. Wann hattet ihr zum ersten Mal ein Telefon, einen Fernseher oder ein Auto?
  6. Wohin ging die erste Urlaubsreise, an die du dich erinnerst?
  7. Wo warst du, als die Mauer fiel, und was hast du an dem Abend gemacht?
  8. Was hat sich danach in deinem Alltag verändert, und was ist gleich geblieben?

So wird eine Geschichte daraus: Frag nach dem eigenen Leben, nicht nach der Geschichte im Lehrbuch. „Was hat das für dich bedeutet?“ und „Was hat deine Familie davon gemerkt?“ Und wenn eine Frage auf etwas Schweres trifft, darfst du sagen: „Wir müssen darüber nicht reden.“ Oft erzählt jemand gerade dann mehr. Manchmal auch nicht, und beides ist in Ordnung.

Bräuche und Feste

  1. Wie lief bei euch der Heiligabend ab, Schritt für Schritt?
  2. Was kam an Feiertagen auf den Tisch, und wer hat gekocht?
  3. Welche Bräuche gab es bei euch in der Gegend, die man woanders nicht kennt?
  4. Wie wurden Geburtstage gefeiert, als du klein warst?
  5. Welches Rezept aus deiner Familie sollte nicht verloren gehen?
  6. Gab es einen Spruch oder eine Redensart, die in deiner Familie jeder kannte?

So wird eine Geschichte daraus: Frag nach dem, was schiefging. „Gab es ein Weihnachten, an dem alles anders lief als geplant?“ Die perfekten Feste verschwimmen in der Erinnerung. Das eine Jahr, in dem der Baum umfiel oder der Braten verbrannte, bleibt.

Was du über das Leben gelernt hast

  1. Was glaubst du heute, das du mit dreißig noch nicht geglaubt hast?
  2. Was hat sich am Ende als unwichtig herausgestellt?
  3. Worauf bist du stolz, ohne dass es jemand weiß?
  4. Was möchtest du, dass wir über deine Eltern wissen?

So wird eine Geschichte daraus: Frag nach einem Beispiel. Auf „Man muss zusammenhalten“ folgt: „Wann hast du das zum ersten Mal gemerkt?“ Eine Lebensweisheit ohne Geschichte ist ein Kalenderspruch. Mit der Geschichte dazu wird sie etwas, das die Enkel weitererzählen.

Wie du die Antworten bewahrst

Aufnehmen. Die Sprachmemo-App auf deinem Handy reicht völlig. Frag vorher, ob es in Ordnung ist, leg das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch und vergiss es. Nach zehn Minuten denkt niemand mehr daran. Eine Aufnahme hält fest, was du beim Mitschreiben verpasst: die Stimme, das Lachen, den Dialekt.

Aufschreiben. Aufnahmen haben ein Problem. Kaum jemand hört sich drei Stunden Ton ein zweites Mal an. Schreib deshalb am selben Abend die besten Stellen auf, möglichst wörtlich, mit Namen und Orten. Zehn gut aufgeschriebene Antworten sind mehr wert als ein Ordner voller Dateien, die niemand öffnet.

In ein Erinnerungsbuch. Die Fassung, zu der eine Familie wirklich zurückkehrt, ist oft die auf Papier, in der Handschrift des Menschen, der erzählt hat. Manche Großeltern schreiben lieber selbst, in Ruhe, wenn niemand zuschaut. Ein Erinnerungsbuch zum Ausfüllen gibt ihnen dafür einen Ort: eine Frage pro Seite und genug Platz für die Antwort. Wenn das Schreiben schwerfällt, liest du die Frage vor und schreibst mit. Das zählt genauso.

Die Fragen verschenken

Fragen an Oma über ihr Leben müssen nicht am Kaffeetisch gestellt werden. Du kannst sie auch verschenken. Zu Weihnachten oder zum Geburtstag funktioniert das gut, weil die Großeltern meistens schon alles haben und sich über ein Geschenk freuen, das nach ihnen fragt statt nach ihrem Bedarf.

Die einfachste Fassung kostet nichts: Schreib fünf Fragen aus dieser Liste auf Karten, steck sie in einen Umschlag und schreib dazu, dass du an jedem Sonntag im Januar eine davon stellen kommst. Oder schenk ein leeres Notizbuch, in das du vorne die ersten zehn Fragen schon eingetragen hast.

Wenn du lieber etwas Fertiges in der Hand hast: Wir haben dafür unser Erinnerungsbuch „Erzähl mir dein Leben“ gemacht. Es enthält 58 Fragen in 8 Kapiteln auf 178 Seiten im Format 21 x 28 cm, mit großer Schrift und viel Platz zum Schreiben. Es gibt es bei Amazon.de als gebundene Ausgabe für 22,99 € und als Taschenbuch für 16,99 €. Ob du es nimmst oder die Karten im Umschlag, ist am Ende nicht so wichtig. Wichtig ist, dass jemand fragt.

Fang mit einer Frage an

Du musst nicht alle 50 Fragen stellen, und du musst auch keinen besonderen Anlass abwarten. Such dir drei aus, die dich selbst neugierig machen, und nimm sie beim nächsten Besuch oder Telefonat mit. Wenn Oma oder Opa bei der ersten Frage hängen bleiben und eine Stunde lang von etwas ganz anderem erzählen, hat es funktioniert.